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Offener Brief an die Redaktion der Magie
April 2009
Liebe Redaktion der Magie,
bei der Ausgabe 4-2009 der Magie, der Zeitschrift des Magischen Zirkels von Deutschland, ist Vorsicht bei kritischen Äußerungen angesagt, schließlich könnte man sich unfreiwillig als Auf-einen-Aprilscherz-Reingefallener bloßstellen. Aber der Artikel „Zurück in die Zukunft“ im hinteren Teil des Heftes war leicht zu identifizieren. Ich selber tippte zuerst auf einen ganz anderen Artikel: „The next Uri Geller“. Tatsächlich scheint aber alles, was dort geschrieben wurde, ernst gemeint zu sein. Und das haut mich nun wirklich um. Denn, so scheint mir, wird hier überhaupt nicht recherchiert, Behauptungen werden einfach übernommen, Wahrheiten werden verdreht und wider besseren Wissens veröffentlicht. Das führt dazu, dass unkritische Zauberer – und da scheint es eine Menge zu geben – ein völlig falsches Bild von diesem Beruf bekommen und von natürlich von der Zauberkunst insgesamt. Daher nehme ich zu einigen Stichpunkten des Artikels, die ich für falsch dargestellt halte, Stellung:
01. Der überdurchschnittliche Quotenerfolg
Die erste Staffel fuhr keinen unerwarteten Quotenerfolg ein, Sie lag am Anfang leicht über dem Senderdurchschnitt (bei der definierten Zielgruppe) und sank dann kontinuierlich unter Senderdurchschnitt. Das war also ein Misserfolg. Außerdem ist das Format sicher nicht innovativ, sondern kann auf vielen Sendern in abgewandelter Form gesehen werden (bestes Beispiel „Deutschland sucht den Superstar“). Die Quoten der zweite Staffel fingen dort an, wo die erste Staffel aufhörte und endeten noch weit schlechter. So schlecht, dass es in dieser Form mit ziemlicher Sicherheit keine weitere Staffel geben wird. Das kann man übrigens unter anderem auch im Medienmagazin dwdl nachlesen, in dem auch die Quoten belegt sind.
02. Teamarbeit
Fernsehen hat nichts bzw. nur rudimentär mit Teamarbeit zu tun. Natürlich gibt es dort Teams, wie zum Beispiel das Kamerateam, das auf Anweisung der Regie handelt. Aber es sind keine Teams, die gleichberechtigt an einer großen Sendung arbeiten, wie es der Autor des Magieartikels zu erklären versucht, sondern Angestellte mit einer sehr klaren Arbeitplatzbeschreibung ohne Mitspracherechte bzw. Einfluss auf die Sendung. Ganz anders die „Künstler“. Die dienen nur als Kanonenfutter, haben keinerlei Rechte und sind mit Sicherheit nicht im Team. Was übrigens auch ganz deutlich in den Verträgen klargestellt wird. (Ja, ich habe mehrere Verträge eingesehen.) Die Abläufe werden ausschließlich von der Regie und den Herren bestimmt, die die Quoten im Auge haben. Dem wird alles andere untergeordnet.
03. Tolle Werbung für die Kandidaten
Ein Werbevideo stellt die Dienstleistungen oder Produkte des Herstellers oder Dienstleisters ins beste Licht für deren Zielgruppe. Die Vorstellungsvideos der Kandidaten tun genau das nicht. Sie stellen die Kandidaten als Menschen mit übernatürlichen Begabungen dar, was häufig wie an den Haaren herbeigezogen wirkte. Sie bewerben Zauberbereiche, die die meisten Kandidaten vorher nicht im Programm hatten – nämlich Mentalzauberei – und sie wenden sich nicht an die Zielgruppe, die zwangsläufig aus Mitarbeitern von Veranstaltungsagenturen, Veranstaltern und Theatern besteht, an die der Künstler seine Programme verkaufen möchte, sondern an die Zielgruppe der 14- bis 25jährigen Fernsehzuschauer. Wenn man sich die Darstellungen der Künstler angesehen hat, stellt man fest, dass fast alle zumindest stark unterprobt waren, viele ihrer Rolle als Mentalist gar nicht gerecht werden konnten, da sie sich als Laien mit Darstellung, Rolle und Schauspiel nie ernsthaft beschäftigt haben. Was ist daran gute Werbung?
04. Professioneller Background
Ein professioneller Background für einen Zauberkünstler bedeutet, alles ist auf ihn und seine Vorführung abgestimmt. Das ist in der Staffel „The next Uri Geller“ bei keinem Mentalisten, außer bei Geller selber passiert. Fast alle Kandidaten sind blutige Fernsehanfänger und sogar dem fernseherprobten Jan Rouven unterliefen mehrfach grobe Fehler. Das kann man sich nun leider noch Jahre lang bei Youtube ansehen. Die schlechte Kameraführung war häufig Trickverräter Nummer eins. Professionalität und ein professioneller Background sind etwas anderes.
05. Uri Geller ist der bekannteste Zauberer der Gegenwart
In fast allen seriösen Medien wird von Uri Geller immer nur als Scharlatan gesprochen, nie wird er als Zauberer beschrieben, schon gar nicht als ein bekannter (siehe Artikel im Stern, Zeit, und Onlinemedien). In den USA hat man bei der dortigen „The next Uri Geller“-Staffel Chris Angel mit ins Boot genommen, da der dort bekannt ist und man sich eine vernünftige Quote nur mit Angel versprach. Es bleiben also nur ein paar Zauberzeitschriften übrig, die nach jahrzehntelanger begründeter Geller-Ablehnung aus billigen Publicitygründen zu Gellerfans werden.
06. Die Kandidaten
Wenn ich mich nicht irre, war Jan Becker der einzige Kandidat, der fehlerfrei gearbeitet hat. Er ist auch der einzige, der professionelle Erfahrung auf dem Gebiet Mentalzauberei mitbringt. Trotzdem erschien er mir im Vergleich zu seinen Theaterveranstaltungen, die ich mehrfach gesehen habe, seltsam blass. Kris, Manuel Horreth, Waayatan, Danny Ocean, und Amila haben ihre Rollen viel zu oberflächlich angelegt. Weder das Präsentieren eigener Tattoos, oder eine Geste, die einen an die Zeilenweiterschaltung einer Schreibmaschine erinnert, oder das Verbiegen von Gabeln statt von Löffeln, oder das Überwerfen eines Indianerkostüms, dass meilenweit von der echten Tracht des Uramerikaners abweicht, können allein zu einem Erfolg führen. Viele Kandidaten waren meines Erachtens völlig unterprobt, sonst wären ihnen die auf Youtube zu bewundernden Fehler nicht unterlaufen.
07. PR-Kalkül
Wenn man sich die Termine der Shows von Jan Rouven ansieht, stellt man beim Studium der Presse und auf Nachfrage bei den Theatern fest, dass einige Termine abgesagt wurden. Vielleicht, weil das PR-Kalkül doch nicht aufgegangen ist und zu wenig Zuschauer Karten gekauft haben? Die Tour „The Magic Mentalist“ mit den Kandidaten aus „The next Uri Geller“ war im Deutschen Theater in München auch nur sehr schlecht besucht. Nach einer Befragung stellt sich sogar heraus, dass die meisten Zuschauer nicht bezahlt, sondern Karten gewonnen hatten. Wäre „The next Uri Geller“ ein PR-Erfolg gewesen, wäre sicher auch diese Show gut verkauft gewesen. Nicht zuletzt hat auch David Goldrake im vergangenen Jahr seine angekündigte Tour nicht durchgeführt. Schon die erste Veranstaltung in Düsseldorf wurde abgesagt. Farids Straßenzauberei (Wer erinnert ich an den Namen der Sendung?) haben sogar die Zauberer selten gesehen. Sollen das die Ergebnisse der „tollen“ Werbung sein?
08. Resonanz
Resonanz gab es genug. Der Stern, die Zeit, die WAZ und viele, viele Internetmedien berichteten über die Staffel. Allerdings äußerten sich nur die Medien des Fernsehsenders selbst positiv über die Show. In fast allen anderen Medien wurde sie zurecht kritisiert. Das scheinen aber die Redaktion der Magie und der Autor des Artikels konsequent zu ignorieren.
09. Promis
Selbstverständlich äußern sich die Promis meistens positiv, sie bekommen ja auch pro Auftritt mit ziemlicher Sicherheit eine höhere Gage als die Kandidaten. Mit anderen Worten: Die sind gekauft. Und sie versuchen das, was ihnen aufgetragen wird, nämlich Überraschung zu zeigen und ungläubiges Staunen möglichst authentisch rüber zu bringen. Mit den Kandidaten hatten sie allerdings gemein, dass das häufig nicht gelang.
10. TV-Präsenz
Ja, ich möchte die Zauberkunst im Fernsehen anders präsentiert haben: Professionell und nicht dilettantisch. Von Künstlern, die über genug Erfahrung verfügen, nicht von Träumern, die meinen, mit ein paar Auftritten vor der Kamera ohne oder nur mit schlechter Vorbereitung eine Karriere als Zauberkünstler starten zu können. Ich möchte Zauberkunst präsentiert haben von Künstlern, die auch selbstkritisch sein können und permanent an sich und ihrer Vorführung arbeiten. Das Schöne ist, es gibt sie.
11. Vorhersage
Die Kandidaten aus „The next Uri Geller“ werden in öffentlichen Interviews folgendes sinngemäß von sich geben: „Es war eine tolle Erfahrung.“ „Uri Geller ist ein charismatischer Mensch.“ „Ich habe viel gelernt.“ „Seitdem habe ich ganz viele Buchungen.“ Ich wette, keine dieser Aussagen kann belegt werden.
Mit freundlichen Gruß
Ergie Wäggedawn
Ich bedanke mich bei den Kollegen und Zauberfreunden, die sich meiner Meinung angeschlossen haben:
Theo Böhm, Uwe Bury, Volker de Haas, Gert Haller, Horst Gräfingholt, Jurim Kaiser, Matthias Rauch, Robinson und Angelika, André Rusche, David R. Scott
Absender: ergie@ergie-waeggedawn.de, www.ergie-waeggedawn.de,
Ergie Wäggedawn,Frankenstraße 227, 45134 Essen,
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